Beim Baobab rechts runter – Erlebnisse und Infos aus Togo

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Im Geschichtenband Beim Baobab rechts runter erlebt man nicht nur die vielen spannenden Geschichten, die Margret Kopp in über 30 Jahren Entwicklungshilfe in Togo erlebt hat. Ganz nebenbei erfährt man, durch viele Bilder und Fotos, sowie Informationsseiten viele interessante Dinge über das Land Togo.

Margret Kopp erzählt ihre ganz persönlichen Erlebnisse und Erfahrungen und nimmt ihre Leser mit in ihr geliebtes Togo.

  • 2. Auflage
  • 120 Seiten
  • über 60 Fotos
  • 18 Informationsseiten

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Artikelnummer: B-001 Kategorie:

Beschreibung

Mit vielen Infos aus Togo bestückt, begleiten Sie in diesem Buch die Autorin Margret Kopp in ihr geliebtes Togo. Sie erzählt von ihren Erlebnissen und Erfahrungen die sie in über 30 Jahren Entwicklungshilfe in Togo erlebt hat. Zu jeder Geschichte hat sie passende Infos aus Togo gesammelt und mit vielen Bildern und Grafiken zusammengetragen.

Buchrücken

Was hat die Junge Presse Bayern mit Togo zu tun, und wieso fährt eine Sprachenlehrerin mit Apothekern durch den afrikanischen Busch? Was erlebt man um Mitternacht mit einer schwarzen Sister und warum ist der Togovirus zwar unheilbar, aber dennoch willkommen?

Die ganz persönlichen Erfahrungen einer Frau, die glaubt, sich nur einmal auf eine Reise nach Afrika zu begeben und die sich in ein Projekt verstrickt, von dem sie nicht mehr loskommt.

Margret Kopp erzählt ihre ganz persönlichen Erlebnisse und Erfahrungen und nimmt ihre Leser mit in ihr geliebtes Togo.

Das komplett farbige Taschenbuch Beim Baobab rechts runter, mit 120 Seiten, vielen Bildern und Informationen erschien am 21. Dezember 2012 und ist inzwischen in überarbeiteter 2. Auflage erhältlich.

Erlebnisse und Infos aus Togo

Im Geschichtenband Beim Baobab rechts runter erlebt man nicht nur die vielen spannenden Geschichten, die Margret Kopp in über 30 Jahren Entwicklungshilfe in Togo erlebt hat. Ganz nebenbei erfährt man, durch viele Bilder und Fotos, sowie Informationsseiten viele interessante Dinge über das Land Togo.

Margret Kopp erzählt ihre ganz persönlichen Erlebnisse und Erfahrungen und nimmt ihre Leser mit in ihr geliebtes Togo.

  • 2. Auflage
  • 120 Seiten
  • über 60 Fotos
  • 18 Informationsseiten

Zusätzliche Information

Gewicht 0.265 kg
GTIN

978-3-00-040570-9

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Leseprobe

Die erste Togoreise

1984 lud mich mein Freund Pum ein, nach Togo mitzureisen. Er sei mit einer Gruppe von Ärzten und Apothekern unterwegs und brauche unbedingt jemanden zum Dolmetschen. Unsere Kinder waren noch ganz klein, Andy gerade erst ein Jahr alt. Aber meine Mutter meinte: „Mädchen, das machst du, so eine Chance kriegst du nie wieder.“ Das dachten wir damals alle.

Mein Gott, war ich aufgeregt! Es war mein erster Flug und natürlich auch mein erster Schritt auf afrikanischen Boden. Als einzige Frau mit lauter Männern unterwegs – auch das eine ganz neue Erfahrung für mich. Ich hatte noch nie als Dolmetscherin gearbeitet. Würde ich das Togo-Französisch überhaupt verstehen? Ich konnte mir gar nicht vorstellen, was mich in diesem kleinen Land Togo erwarten würde? Neugier, Aufregung, Ängstlichkeit und Vorfreude bildeten während des Flugs mit Bal Air, eine damals noch bestehende Tochter der Schweizer Fluggesellschaft Swiss Air, einen intensiven Gefühlsmix in mir. In Zürich mussten wir umsteigen, dann endlich hob der Riesenvogel mit uns Richtung Afrika ab.

Schon der Temperaturschock war gewaltig. Im Februar herrschten bei uns in Bayern empfindlich kalte Temperaturen. Als wir in Togo aus dem Flugzeug stiegen, empfing uns Saunahitze. Die Brillengläser liefen sofort an, sodass ich im ersten Moment kaum etwas von Afrika sah, sondern aufpassen musste, nicht auf den Stufen der Gangway auszurutschen. Obwohl – bei meiner ersten Ankunft quasi den Boden Togos zu küssen, das hätte im späteren Rückblick sicher Symbolcharakter gewonnen, aber das wusste ich damals ja noch nicht.

Wir waren gegen 18 Uhr gelandet. Um diese Zeit wird es in Togo fast schlagartig dunkel. Wegen der Äquatornähe gibt es keine wirkliche Dämmerungsphase. So sah ich zunächst nicht viel von dem Land, das in meinem Leben eine so wichtige Rolle spielen sollte. Wir fuhren durch dunkle und dennoch belebte Straßen. Menschen liefen am Straßenrand zwischen den vielen kleinen Ständen herum, auf denen Petroleumlampen die Waren beleuchteten. Die schwarzen Menschen nahm man eher als Schatten wahr. Sie waren unterwegs und kauften wohl noch fürs Abendessen ein oder befanden sich einfach auf dem Nachhauseweg. Ich presste meine Nase an die Autoscheibe, um  das romantisch wirkende Lichtergewimmel zu erkennen. Erst als wir an die Uferpromenade gelangten, die sogenannte Marina, eine vierspurige, palmengesäumte Prachtstraße, bekam Lomé etwas städtischen Charakter.

Wir waren im Hotel de la Paix untergebracht, einem großen Gebäude, nur durch eine Straße vom Strand getrennt, mit gut ausgestatteten Zimmern, Aufzug zu den höher gelegenen Stockwerken, einer einladenden Hotelhalle mit bequemen schweren Ledersesseln und einem angenehmen Restaurant auf der Terrasse beim Swimmingpool. Die architektonische Besonderheit des Hotels konnte ich erst am nächsten Tag entdecken. Die Außenfassade bot durch schwungvolle Mauerspitzen, die gleichsam in einer Wellenbewegung über das Dach hinausragten und den hohen Wellenbrechern der Atlantikbrandung nach empfunden waren, einen architektonisch attraktiven und für das Stadtbild charakteristischen Anblick. Leider ist dieses Hotel heute nur noch eine Ruine. Damals jedoch erschien es mir luxuriös und passte überhaupt nicht in mein Bild vom armen Afrika.

Gleich am Morgen des ersten Tages nahmen wir Kontakt auf mit ansässigen deutschen Organisationen wie die Deutsche Botschaft, die BTG (Bayerisch-togoische Gesellschaft) und die HSS (Hanns-Seidel-Stiftung, die sich damals noch Fondation Eyadéma nannte). Wir wurden überall sehr freundlich empfangen, das Hilfsangebot von Apotheker Gerhard Reichert wurde als hochwillkommen bezeichnet und Unterstützung im Rahmen der Möglichkeiten gerne zugesagt. Doch dann lernte ich sofort das so ziemlich Wichtigste in Afrika: Geduld. Denn die Unterstützung „im Rahmen der Möglichkeiten“ entpuppte sich als langwierig.

Von der BTG, die eine KFZ-Lehrwerkstätte in Lomé eingerichtet hatte,  war uns ein Fahrzeug zugesagt worden. Also wurden wir vom Chauffeur der Hanns-Seidel-Stiftung am frühen Nachmittag in die große Halle der BTG in der Nähe des Hafens gebracht und abgesetzt, wo eifrig an Autos herum gehämmert und geklopft wurde. Es herrschte ein unglaublicher Lärm, der am Wellblechdach, das den gesamten Raum überspannte, widerhallte, sodass sich meine ersten Dolmetscherversuche weniger aus mangelndem Verständnis der togoischen Aussprache, als vielmehr durch den Heidenlärm schwierig gestalteten. Dennoch konnten wir uns mit dem togoischen Werkstattleiter soweit einigen, dass wir nur 5 Minuten zu warten brauchten, dann würde uns ein Kleinbus zur Verfügung gestellt. Aufatmend verließen wir den Höllenlärm und die Hitze der Werkstatthalle. Unter einem Baum an der Zufahrt suchten wir ein wenig Schatten und Schutz vor der sengenden Sonnenhitze und warteten. Es gab nichts, wo wir uns hätten hinsetzen können, wir standen einfach und schwitzten, auch ohne Bewegung. Aber 5 Minuten würden wir das schon aushalten – dachten wir.

Ich lernte schon bei diesem ersten Termin, dass togoische 5 Minuten eine völlig andere Zeitspanne darstellten als in Deutschland. Nach einer Viertelstunde wagte ich einen ersten Vorstoß beim Werkstattleiter, der mich sehr erstaunt anblickte, denn er hatte uns doch erklärt, wir müssten 5 Minuten warten. Ich solle nur geduldig sein, ab jetzt könne es wirklich nur noch 5 Minuten dauern. Nach einer halben Stunde fühlten wir uns von der ständig steigenden Hitze schon fast gebraten, Pum fürchtete um die weiteren für diesen Nachmittag geplanten Termine, doch ohne Fahrzeug konnten wir uns ja nicht weiter bewegen. Ich machte also einen erneuten Verhandlungsversuch beim Werkstattleiter, der mir diesmal mit einem ausführlichen Wortschwall erklärte, dass das Fahrzeug zwar zur Verfügung stehe, aber erst noch der Fahrer geholt werden müsse, der jedoch gerade nicht erreicht werden konnte, außerdem wolle man den Bus erst noch einmal durchchecken, bevor man uns damit durch das Land fahren lassen wollen, aber in wenigen Minuten sei bestimmt alles bereit. Ich starrte den Mann ziemlich verblüfft und ratlos an. Wieso hatte er uns das nicht gleich gesagt? Dann hätten wir uns nicht auf eine Wartezeit von 5 Minuten eingestellt. Nun ja, es sollte nicht das einzige Mal sein, dass togoische 5 Minuten sich als sehr viel längere Zeitspanne herausstellen sollten.

Gegen 16 Uhr präsentierte sich voll Stolz der Chauffeur Kokou mit einem Kleinbus, der zwar schon recht verbeult, aber sonst  einigermaßen zuverlässig wirkte. Erleichtert kletterten wir hinein. Die Nachmittagstermine hatten wir eh schon verpasst, also ließen wir uns erstmal zu Marox fahren, wo wir unter dem schattigen Blätterdach fast wie in einem bayerischen Biergarten saßen. „Das Marox“ war und ist der Treffpunkt für Europäer in Lomé. Dort gibt es eine zweisprachige Speisekarte (deutsch und französisch) mit bayerischen Leckerbissen wie „Schweinshaxe“ – bei Togoern sehr beliebt –, Leberkäse und Weißwurst. Geliefert wurden die Leckerbissen von der Marox-Metzgerei, einem Betrieb mit Personal aus Bayern. In Richtung Badou im Landesinneren betrieb die Fa. März aus Rosenheim sehr erfolgreich einen Schweine- und Rinderzuchtbetrieb, der von ihnen später aber aufgegeben werden musste. „Weißwurst am Äquator“ hieß eine nicht unkritische Fernsehsendung, die damals im deutschen Fernsehen über Togo gezeigt wurde. Bei Marox verstand ich, woher der Titel kam.

An diesem ersten Tag in Lomé hinterfragten wir jedoch nicht die wirtschaftlichen Aktivitäten deutscher Firmen in Togo, sondern bestellten uns – ausgedörrt wie wir uns fühlten – das gute Fassbier der „Brasserie du Bénin“, einer ebenfalls von bayerischen Braumeistern eingerichteten Brauerei, die bis heute deutsche Biersorten wie Eku, Pils und Lager produziert und damit ganz Westafrika beliefert. Das war eine Wohltat, als das kühle Bier durch unsere Kehlen floss, und unsere Stimmung hob sich augenblicklich wieder. Wir beratschlagten das weitere Vorgehen, beschlossen, die verpassten Termine wie den Besuch der Caritas, die in Togo OCDI heißt, oder ein Treffen mit dem Erzbischof auf das Ende des Aufenthaltes zu verschieben und am nächsten Tag wie geplant früh morgens ins Landesinnere aufzubrechen. Stattdessen deckten wir uns mit Obst von den bunten Marktständen vor dem Marox-Restaurant ein, statteten dem gleich benachbarten Marox-Supermarkt einen Besuch ab und kauften Vorräte an Weinflaschen und weiteren Proviant für unterwegs ein. Ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. In diesem Supermarkt gab es wirklich allen europäischen Luxus: Maggie-Suppen, Babywindeln, Schokolade, Wurstdosen, abgepackten Schinken, eine Frischfleischtheke – das passte wieder einmal gar nicht in meine Vorstellung vom armen Afrika. Doch damals galt Togo noch als die „Schweiz Afrikas“, weil es dort, wenn man Geld hatte, alles zu kaufen gab, was das Herz nur begehrte. Viele deutsche Entwicklungshelfer aus anderen afrikanischen Ländern kamen gerne für ein verlängertes Wochenende nach Lomé, um sich all den Luxus zu gönnen, den sie in ihren eigenen Einsatzländern nicht bekommen konnten. Doch natürlich waren es damals fast ausschließlich Weiße, die im Marox-Supermarkt einkauften.

Am nächsten Morgen sollte es also losgehen, die Fahrt ins richtige Afrika. Ich wurde beauftragt, alle Wertsachen der Gruppe im Hotelsafe sicher unterzubringen, während das Gepäck bereits auf dem Dach unseres Busses verstaut wurde. Es dauerte mal wieder „5 Minuten“, bis ich alle Formblätter für das Wert-Dépôt ausgefüllt und die Sachen in einer schweren Kassette abgegeben hatte. Als ich erleichtert zu meiner Gruppe stoßen wollte, musste ich entsetzt feststellen, dass der Bus bereits abgefahren war. In völliger Panik rannte ich zur Ausfahrt vom Hotelparkplatz und starrte auf die Hauptstraße, da kam mir unser Fahrzeug glücklicherweise wieder entgegen. Pum und die anderen feixten, und ich habe nie mit Sicherheit herausbekommen, ob mich die Herren nur veralbern wollten oder ob sie mich tatsächlich zunächst vergessen hatten. Ich nahm eher letzteres an, war jedoch viel zu erleichtert, nun doch noch in den Bus klettern zu können, als dass ich der Sache hätte weiter auf den Grund gehen wollen.

In Togo kann man sich kaum verfahren, die schmale langgestreckte Süd-Nord-Ausdehnung des Landes lässt nur eine Hauptstraße, die Route Nationale 1, zu, die von Lomé nach Dapaong führt. Auf dieser Strecke bewegten also auch wir uns nun Richtung Norden und wollten etliche Krankenstationen besuchen. Ich starrte neugierig während der Fahrt aus dem Fenster. Zunächst faszinierten mich die vielen Menschen, die in Lomé am Straßenrand provisorische – wie ich glaubte – Stände aufgebaut hatten und einen malerischen Wirrwarr an Verkaufsprodukten feilboten. Zahllose Frauen schritten scheinbar entspannt mit wiegendem Gang durch die Straßen, meist ein Baby im Tragetuch auf dem Rücken, weitere Kleinkinder an der Hand und auf dem Kopf Schüsseln mit Waren, die sie entweder bei einem der zahlreichen Stadtviertelmärkten anbieten oder direkt auf der Straße verkaufen wollten. Bei jedem Halt an einer der wenigen Ampeln oder an einer verstopften, unübersichtlichen Kreuzung wurde unser Auto sofort von einem Pulk solcher Straßenhändlerinnen umringt, die uns Zahnbürsten, Kaugummis, Zeitungen oder anderen Krimskrams aufdrängen wollten. Lachend wichen sie zurück, sobald unser Fahrzeug wieder anfuhr. Unser Fahrer schien sich an diesen Belagerungen nicht zu stören.

Bald verließen wir die Innenstadt und der Verkehr wurde ein wenig flüssiger. Die Häuser, die den Straßenrand säumten, wurden immer ärmlicher, oft waren es nur noch primitive Hütten oder Baracken. Auch der Menschenstrom am Straßenrand wurde weniger. Dann verlor sich die Bebauung ganz und wir fuhren durch üppiges Grasland, dünn bepflanzte Maisfelder und Felder mit den typischen Maniok-Erdhügeln. Der Süden Togos ist eine sehr fruchtbare Region, wo die Menschen in zwei Regenzeiten intensiv anbauen und entsprechend auch zwei Ernten Feldfrüchte einholen können. Immer wieder sah ich Gestalten gebückt mit einer einfachen Hacke auf den Feldern arbeiten. Palmen und Fächerakazien boten den typischen Anblick afrikanischer Landschaft, jeder Weg, der von der Hauptstraße abzweigte, zeigte die rote Erde Afrikas. Ich war vom ersten Augenblick an von diesem Anblick fasziniert und starrte begeistert aus dem Fenster.

Die Straße war schmal, befand sich aber ansonsten in einem guten Zustand, sodass wir gut vorankamen. Die offenen Fenster sorgten für angenehme Fahrtwindfrische, wir verkürzten uns die Fahrt durch viel Erzählen und Diskussion über die bisherige Projektaktivität und deren Weiterentwicklung. Jeder hatte bestimmte Vorstellungen und Ideen, die wir heftig diskutierten, obwohl keiner von uns wirklich Entwicklungshilfe-Erfahrung hatte. Lediglich Pum war wenigstens schon ein paarmal nach Togo gereist gewesen.

Schließlich machte unser Fahrer direkt vor der Eingangstür eines Gebäudes Halt und ließ uns aussteigen, um dann den Wagen im Schatten eines Baumes in der Nähe abzustellen. Wir hatten unser erstes Ziel erreicht. „Centre de Santé“ stand in großen, verwaschenen Lettern über der Eingangstür direkt auf die staubige Mauerwand gemalt. Kein Mensch war zu sehen. Vorsichtig klopften wir an die Tür, riefen „Hallo, hallo“ – aber nichts rührte sich. Eigentlich waren wir angemeldet, aber offensichtlich wurden wir nicht erwartet. Unschlüssig standen wir vor der verschlossenen Krankenstation und wussten nicht recht, was wir tun sollten, als sich endlich mit langsamen Schritten eine Gestalt aus einem Nebengebäude näherte. Die Frau stellte sich als die Hebamme vor, der Krankenpfleger und Leiter der Krankenstation sei leider nicht da, nur er wisse, ob wir angemeldet seien oder nicht. Sie selbst wisse nicht Bescheid und habe auch keinen Schlüssel, um uns die Station zu zeigen. Wann ihr Chef zurückkäme, sei auch völlig ungewiss. Aber sie forderte uns auf, auf der Bank, die offensichtlich für wartende Patienten aufgestellt war, Platz zu nehmen. Es könne nicht lange dauern.

So hatten wir uns den Auftakt unserer Projektbesuche eigentlich nicht vorgestellt. Sollten wir warten? Da wir mit den togoischen „5 Minuten“ schon so schlechte Erfahrungen gemacht hatten, wollten wir das Risiko einer völlig unbestimmten Wartezeit nicht eingehen, zumal wir ja noch weitere Besuchstermine vor uns hatten. Also bat mich Pum, ich möge der Dame übersetzen:  „Es tut uns sehr leid, dass wir nicht warten können, weil wir noch weitere Termine haben und weiter fahren müssen.“ Das war eine leichte Übung, sofort übersetzte ich diesen Satz Wort für Wort ins Französische. Doch dann geschah nichts. Alle starrten mich erwartungsvoll an, die Hebamme ebenso wie Pum und die anderen. Hatte ich etwas falsch gemacht? Mein Französisch war korrekt gewesen, da war ich ganz sicher. Ich stieß Pum unauffällig an und flüsterte: „Ich hab’s schon gesagt, lass uns gehen“, und wollte ihn in Richtung Auto schieben. Aber er flüsterte ebenso unauffällig zurück: „Du musst ein bisschen mehr sagen, blumiger reden, sonst ist es unhöflich.“ Ich sah ihn erstaunt an, aber er nickte nur auffordernd. Also wandte ich mich erneut an die Hebamme, entschuldigte mich wortreich für unsere Zeitnot, bat sie ausführlich, unser Bedauern dem Leiter der Krankenstation zu übermitteln, kündigte einen erneuten Besuch in einer völlig vagen Zukunft an und verabschiedete uns im Namen der gesamten Gruppe. Nach heftigem Händeschütteln verließen wir die Frau und bewegten uns endlich in Richtung unseres Autos. Kokou ließ bereits den Motor an und kam uns entgegen, wir kletterten hinein und unter heftigem Winken schwenkten wir wieder auf die Hauptstraße ein und fuhren weiter in Richtung Norden des Landes. Dies war meine erste Erfahrung mit Übersetzung der Pumschen Kurzaussagen in blumige, bildreiche Sprache, der noch viele folgen sollten.

Den ganzen Tag über fuhren wir in Richtung Norden und besuchten verschiedene Dispensaires, also kleine Krankenstationen und Erstehilfeposten. Wir trafen auf keine Ärzte, sondern die Versorgung der Patienten wurde durchwegs von Krankenpflegern und Schwestern geleistet. Unsere Ärzte in der Gruppe wurden oft um Rat bei schwierigen Fällen gefragt, doch meist konnten die ortsansässigen Kräfte besser diagnostizieren als unsere Fachleute, die ohne ihre Hilfsmittel auch nur schwer erkennen konnten, um welche Erkrankungen es sich wirklich handelte. Die Apotheker erkundigten sich ausführlich nach dem dringendsten Arzneimittelbedarf. Die Antworten wiederholten sich von Mal zu Mal, denn im Grunde fehlten überall alle Basismedikamente, besonders wichtig seien Schmerzmittel, Antibiotika und Medikamente gegen Malaria. Pum holte aus unserem Gepäck immer wieder kleine Vorräte dieser so wichtigen Spenden, die wir als erste Nothilfe sofort da ließen, und versprach, größere Mengen zu schicken. Die Übersetzungen waren für mich nicht ganz einfach, da mir der pharmazeutische Spezialwortschatz natürlich nicht geläufig war und ich mich auch an das Französisch mit starkem Togo-Akzent erst gewöhnen musste. Aber die Begrüßungsfloskeln und die wortreichen Verabschiedungen hatte ich schon bald gut drauf.

In Atakpamé, einem hübschen Städtchen, dessen Häuser sich auf fünf Hügeln verteilten, aßen wir im einzigen Hotel des Ortes zu Mittag. Das Roc-Hotel liegt hoch oben an einem Hang. Die Dachterrasse bot einen bezaubernden Blick auf die zahlreichen Wellblechdächer und kleinen Lehmhütten, die sich unter Baumgruppen zusammen zu kuscheln schienen. Das Essen war gut, das Bier schön kühl, die Verkäufer von Schnitzwaren und Souvenirs ließen uns nicht aus den Augen, doch wir genossen die Pause nach den mehrfachen Treffen und anstrengenden Besprechungen. Für die Rückfahrt in einigen Tagen reservierten wir schon mal unsere Hotelzimmer, denn an diesem ersten Tag wollten wir noch bis Pagala fahren.

Gestärkt traten wir also die Weiterreise an und absolvierten noch drei weitere Projektbesuche. Die Sonne brannte unbarmherzig vom Himmel. Sobald das Auto stehen blieb, verwandelte es sich innerhalb von Sekunden in einen Backofen. Außer lauwarmen Wasserflaschen gab es nichts, womit wir unseren Durst hätten löschen können. Zwar bot man uns überall zur Begrüßung Becher mit Wasser an, doch das wagten wir nicht zu trinken, denn seine Sauberkeit war äußerst zweifelhaft. Schließlich kamen wir ziemlich verschwitzt, mit staubiger Kleidung und durstig gegen 18 Uhr in Pagala an, einem Dorf ein wenig abseits der Hauptstraße in Richtung Ghana. Es war gerade noch rechtzeitig, bevor übergangslos die Nacht hereinbrach. Hier in Togo in Äquatornähe gibt es fast keine Dämmerungsphase, auch sind die Tage das ganze Jahr über gleich lang. Die Sonne geht jeden Tag zwischen 5 Uhr 30 und 6 Uhr auf und zwischen 18 Uhr und 18 Uhr 30 unter.

In Pagala wurden wir voller Herzlichkeit von drei holländischen Schwestern empfangen, die schon seit Tagen auf uns gewartet hatten. Unser Ankunftstermin war ihnen falsch übermittelt worden. Doch das ist in Afrika kein Problem. Die Schwestern betrieben damals ein vorbildliches kleines Krankenhaus mit stationärer Aufnahmemöglichkeit, das heute zu einer modernen Klinik ausgebaut ist. Doch zunächst wurden wir in das bescheidene Schwesternhaus geführt, wo wir auf einer kleinen Veranda mit frischen Säften erfrischt wurden. Das war eine Wohltat!

Dann ging es um die Zimmerverteilung. Für eine so große Besuchergruppe gab es keine ausreichenden Schlafgelegenheiten. Verlegen drucksten die Schwestern herum, bis sie schließlich damit heraus rückten, dass eine Person leider auf der Liege im Entbindungsraum des Krankenhauses übernachten müsse. Unter großem Gelächter und anzüglichen Bemerkungen wurde unser Pum dazu auserwählt, dieses „Einzelzimmer“ zu belegen, während ich ein Zimmer mit allen Schwestern teilen durfte und die übrigen Herren auf die anderen zwei Schwesternzimmer verteilt wurden. Überall waren Matratzen ausgebreitet. Es gab keinen Strom, die Petroleumfunzeln verbreiteten ein romantisches Dämmerlicht. Gegen die Mücken wurden Räucherspiralen entzündet und in den Räumen aufgestellt. Im Hinterhof kochten einige Frauen auf einer offenen Holzfeuerstelle. Statt Duschen standen große Wassereimer randvoll gefüllt bereit, und mit einer Kalebasse konnte man schöpfen und sich mit dem erfrischenden Nass überschütten.

Nun sollten die Koffer aus dem Auto geholt und auf die Zimmer verteilt werden. Beim Schein unserer Taschenlampen kletterte Kokou auf das Autodach und hievte alle Taschen und Koffer nach unten. Jeder suchte im Dunkeln nach seinem Gepäckstück, Helfer schleppten es bereitwillig in das vorgesehene Schlafgemach. Doch so sehr auch ich auf, neben und unter dem Auto nachschaute, mein Koffer wollte nicht auftauchen. Verzweifelt wandte ich mich an Kokou, der mir aber versicherte, er habe wirklich alles ausgeladen. Ich sehnte mich nach frischer Kleidung, da alles an mir klebte, meine Mitreisenden wuschen sich zum Teil bereits mit der Kalebassen-Dusche, um sich fürs Abendessen frisch zu machen, nur ich stand immer noch verzweifelt neben unserem Fahrzeug. Tatsächlich war mein einziger Koffer, in dem sich meine gesamte Reiseausstattung befand, in Lomé geblieben. Keine Chance auf neue Wäsche oder frische Kleidung. Zum Glück hatte ich ein wenig Waschzeug in meiner Handtasche verstaut, da ich damals noch die irrige Vorstellung hatte, man könne sich unterwegs irgendwo einmal auf einer Toilette frisch machen. Dass wir als Toilette unterwegs nur den Busch benutzen würden, hatte ich mir nicht vorstellen können. So hatte ich also wenigstens mein Deo und Seife zur Hand, alles andere aber wartete auf mich in Lomé, bis wir am Ende unserer Rundreise wieder dorthin zurückkehrten.
Zum Abendessen holten die Schwestern sogar einige Flaschen Bier hervor. Ich staunte über die Herzlichkeit des Empfangs und die Fröhlichkeit, die die Frauen, die unter so schwierigen Bedingungen harte Arbeit leisteten, an den Tag legten. Wir lachten und witzelten miteinander, als würden wir uns schon ewig kennen, und es wurde ein langer Abend. Die Schwestern bekamen offensichtlich nicht oft Besuch und freuten sich umso mehr über unser Dasein. Im Schein der Taschenlampen verschwanden wir schließlich in unseren Schlafräumen. Pum tappte über den Hof in den Kreißsaal des Krankenhauses.

Mir schien es, als sei ich gerade erst eingeschlafen, als ich durch die Unruhe der Schwestern in meinem Zimmer schon wieder geweckt wurde. Eiligst standen die drei Holländerinnen auf und fuhren in ihre Nonnenkutten. Für meine Fragen hatten sie keine Zeit, anscheinend gab es einen Notfall im Krankenhaus und sie winkten mir, einfach mitzukommen. Also schlüpfte auch ich schnell in Hose und T-Shirt und folgte ihnen. Es handelte sich jedoch nicht um einen dramatischen Unfall, wie ich erwartet hatte, sondern um eine hochschwangere Frau, die von ihrer Familie mitten in der Nacht zur Krankenstation gebracht worden war. Pum musste schleunigst seine Lagerstatt räumen, und wir durften der Entbindung beiwohnen. Es war für mich ein wunderbares, beglückendes Gefühl, als das kleine Baby vor uns lag. Es war ganz rosa, hatte aber bereits dichten schwarzen Haarflaum auf dem Kopf. Die Schwestern erklärten mir, dass der kleine Junge erst im Laufe der ersten zwei Lebenswochen dunkel werden würde. Alle Babies seien bei Geburt fast weiß. Ich konnte nur staunen.

Am nächsten Morgen besichtigten wir ausführlich das Krankenhaus und schauten nochmals bei „unserem“ Baby vorbei, das schon eifrig an der Brust seiner Mutter saugte. Dann ging es weiter ins Landesinnere Togos, um die Projektbesuche fortzusetzen.

In den ersten Tagen versuchte ich, meine Tageskleidung abends jeweils zu waschen, um am nächsten Tag einigermaßen sauber zu sein. Doch die Sachen trockneten nicht über Nacht. Schließlich schlüpfte ich in Hemd und Hose eines der männlichen Mitreisenden, auch wenn diese Sachen viel zu groß für mich waren. Doch mit Damenslips konnten die Herren nicht dienen. Als wir an einem Dorfmarkt vorbei kamen, beschloss ich zu versuchen, dort nach Damenunterwäsche zu suchen. Natürlich ließen es sich meine Mitreisenden nicht nehmen, mich dabei zu begleiten. Fachmännisch versuchten sie, mich zu beraten, und feixten, ob ich die Höschen nicht erst probieren wolle. Es war einfach ein Heidenspaß, Kokou half mir beim Handeln und so konnte ich schließlich einige knallbunte Unterhosen erwerben.

Da wir unsere Fahrt nun schon mal unterbrochen hatten, bummelten wir noch über den Marktplatz. Dicht an dicht reihten sich die kleinen Stände. Oft saßen die Frauen einfach mit ihren Waren auf einer Matte am Fußboden. Kleine Kinder krabbelten unbesorgt auf dem Boden herum, kauten auf einem Blatt oder Obststückchen herum oder nuckelten schläfrig an der Mutterbrust. Der Verkauf der Feldfrüchte und anderer Produkte liegt in Togo fast ausschließlich in Frauenhand. Malerisch bauen sie Tomatendosen neben Trockenfisch auf, türmen das Obst in Pyramiden oder gleichmäßigen Reihen auf, bieten Mais-, Hirse- und Reiskörner in geflochtenen Körben oder in Kalebassen an, diesen harten Fruchtschalen, die als Teller, Tasse oder Schüssel dienen können. Zahlreiche unbekannte Gewürze erregten meine Neugier, doch wagte ich nur daran zu schnuppern. Unsere Apotheker entdeckten zu ihrem Entsetzen einen Tisch, auf dem in voller Sonnenhitze zahllose bunte Tablettenschachteln und Arzneimitteldosen angeboten wurden. Angerissene Blisterpackungen, einzelne Pillen in den verschiedensten Farben und bunte Dragées konnten einzeln gekauft werden. Ob der Verkäufer überhaupt eine Ahnung hatte, was er seinen Kunden für ein Medikament verkaufte? Wir mutmaßten, dass die Heilmittel wohl vorwiegend nach der Farbe ausgesucht würden. Die Wirksamkeit der Stoffe war durch die starke Sonneneinwirkung sowieso sehr fraglich. Nach dieser Erfahrung einer „Markt-Apotheke“ setzte unsere Reisegruppe die Fahrt ziemlich ernüchtert fort. Doch umso wichtiger erschien es Gerhard Reichert, gerade auch in einem Entwicklungsland wie Togo ein hohes Maß an Qualität und Standards bei der Arzneimittellieferung zu erreichen. Eifrig diskutierte und entwickelte er bereits erste Pläne dafür.

Unser Reiseprogramm war umfangreich. Wir besuchten zahlreiche Buschkrankenstationen, trafen einige deutsche Ärzte, wie z. B. in Agou bei Kpalimé, wo die Norddeutsche Mission ein großes Krankenhaus eingerichtet hat. Die deutsche Arztfamilie begrüßte uns sehr herzlich und erzählte uns von den so andersartigen Lebensbedingungen in einem Land wie Togo. Der fehlende Komfort aus Europa wurde für sie aufgewogen durch die Herzlichkeit der Kontakte mit den Menschen und durch die tägliche Herausforderung, schwierigste medizinische Probleme zu lösen, und die Freude darüber, wenn dies tatsächlich gelang. Die Besichtigung der Krankenhausapotheke war für unsere mitreisenden Apotheker aus Deutschland sehr ernüchternd. „Schauen Sie mal, was für Unsinn in Deutschland gemacht wird,“ ärgerte sich der Klinikchef und zeigte uns einen Berg von unsortierten Arzneimittelpackungen. „Da werden in den Pfarreien Arzneimittelproben, übrig gebliebene Medikamente aus den Hausapotheken und Apothekenretouren gesammelt und in Entwicklungsländer geschickt. Mein armer Apotheker hier ist völlig überfordert, diese Packungen zu sortieren. Er kann ja nicht einmal die Beipackzettel lesen!“ Unsere Apotheker begannen, den Wust an Schachteln und Dosen zu sichten. Vielfach waren die Medikamente längst abgelaufen. Ein Großteil der Packungen war angerissen, gerade bei Antibiotika also nicht mehr mit ausreichenden Mengen des jeweiligen Präparats bestückt. Aber niemand in der Krankenhausapotheke wagte, diese Sachen wegzuwerfen, denn man müsse sich ja bei den Spendern bedanken und ihnen nachweisen, wie man die Arzneimittel verwendet habe. Pum stimmte dem Krankenhausdirektor zu, dass solche Hilfe eher kontraproduktiv und keinesfalls sinnvoll sei. Einer der Apotheker versprach, im nächsten Jahr wieder zu kommen und die Krankenhausapotheke „auszumisten“ und gemeinsam mit dem einheimischen Apothekerpersonal systematisch zu sortieren und ein Lagersystem nach Indikationsgebieten einzurichten. Erneut wurde uns allen klar, wie wichtig professionelle Hilfe gerade im Bereich der Arzneimittelversorgung war, und wir diskutierten während der Weiterfahrt heftig, wie dies in einem Land wie Togo zu erreichen sei.

Zu einem Highlight unserer Reise geriet der Besuch des Elsässer Missionars Pfarrer Rösch. Als Deutschland 1914 die Kolonie Togo kampflos an die Alliierten übergeben musste, teilten sich die Franzosen und die Engländer das Land auf. Das heutige Togo ist nur der damalige französische Gebietsanteil, der englische Teil gehört heute zu Ghana. Zur deutschen Kolonialzeit war die offizielle Amtssprache Deutsch, auch in den Schulen wurde in deutscher Sprache unterrichtet. Die Franzosen änderten dies natürlich sofort. Um jedoch den Übergang zu erleichtern, wurden zunächst Elsässer Missionare nach Togo geschickt, da diese sowohl die deutsche als auch die französische Sprache beherrschten, und diese holten weitere Missionare aus ihren Glaubensgemeinschaften nach. Auf diese Weise war auch Pfarrer Rösch schon seit vielen Jahren in Togo tätig, zunächst als Lehrer am einzigen Gymnasium in Lomé – durch seine erzieherischen Hände sind viele spätere Minister gegangen – dann als Pfarrer der Missionsstation in Tomegbe, nahe der Ghanagrenze.

Das Dorf Tomegbe liegt im waldreichen und klimatisch angenehmen nördlichen Teil des Plateaus, auch Kaffeedreieck genannt. In diesem fruchtbaren Gebiet gedeihen Kaffee und Kakao und bilden die Haupteinnahmequellen der Bauern. Die gesamte Ernte wird vorwiegend von Franzosen aufgekauft. Da das Geschäft über eine staatliche Vertriebsgesellschaft abgewickelt wird, müssen die Bauern oft monatelang auf Bezahlung warten. Um ihre Familien zu ernähren und die Kinder in die Schule schicken zu können, verschulden sie sich und nehmen Kredite auf, sodass oft die nächste Ernte schon verkauft ist, bevor das Geld der letzten Ernte überhaupt eingeht, ein Teufelskreis, der trotz der Fruchtbarkeit der Felder zu großer Armut bei den Bauern führt. Pfarrer Rösch erzählte uns ausführlich über diese negative Entwicklung für seine Pfarrkinder. Wir gewöhnten uns rasch an sein lustiges Kauderwelsch aus Elsässer Deutsch und Französisch.

Gastfreundlich nahm er uns in seinem kleinen Pfarrhaus auf. Sein Koch verwöhnte uns mit feinster französischer Küche, eine echte Überraschung so mitten im Busch. Zur Übernachtung lagen Matratzen in der Eingangshalle, wo die Männer einschließlich des Pfarrers die Nacht verbringen konnten, während ich als einzige Frau das Privileg hatte, im Bett des Pfarrers schlafen zu dürfen. Doch zu viel Schlaf kamen wir eh nicht. Viel zu viel konnte uns Pfarrer Rösch aus seiner langjährigen Erfahrung über und in Togo erzählen, mit fortschreitender Stunde flogen Witzchen hin und her, die Rotweinflasche und der Whiskey machten die Runde, der Pfarrer genoss es offensichtlich sehr, in seiner abgelegenen Missionsstation Besuch zu empfangen.

Beim ersten Hahnenschrei am nächsten Morgen, eigentlich war es noch ganz dunkel, weckte uns Pfarrer Rösch unbarmherzig. Mir kam es vor, als hätte ich nur wenige Minuten geschlafen. Nur dunkel erinnerten wir uns daran, dass der Pfarrer uns frühes Aufstehen angeraten hatte, um vor der Weiterfahrt unbedingt noch zum Wasserfall zu laufen. Keiner wollte sich daran erinnern, diesem Vorschlag zugestimmt zu haben. Das lohne sich unbedingt, versicherte er unseren skeptischen Mienen. Der Koch war offensichtlich noch früher aufgestanden, denn er servierte uns bereits heiß dampfenden Kaffee und frisches Rührei. Das ließ unsere Geister wieder mobil werden, und nach kurzer Stärkung chauffierte uns Pfarrer Rösch persönlich in die Morgendämmerung. Nach kurvenreicher Fahrt, die der Pfarrer mit viel Hupen und Vollgas bewältigte, kletterten wir bei einem Wasserlauf aus dem Fahrzeug. Pfarrer Rösch organisierte einige Burschen als Führer, denen wir vertrauensvoll auf einem Trampelpfad in den Busch folgten. Zunächst liefen wir parallel zum Bach über einige Wiesen, die im zarten Morgenlicht mit vielen Tautropfen glitzerten, und durchquerten dann einige Kakao- und Kaffee-Pflanzungen, wo uns die Führer die direkt am Stamm wachsenden Kakaoschoten zeigten und die noch grünen Kaffee-Kirschen erklärten, deren Kerne erst als Kaffeebohnen den Weg über die Trocknung und Röstung bis in unsere Kaffeetassen finden. Ich war fasziniert von diesem Naturerlebnis. Weit und breit kein Zivilisationsgeräusch, nur das Rauschen des Baches, das Gezeter von Vögeln, die ihrem Ärger über unser Erscheinen lautstark Luft machten, und andere Geräusche, die wohl von Tieren herrührten, die ich aber nicht einordnen konnte, begleiteten unsere Wanderung. Immer dichter wurde der Busch, der undurchsichtige enge Bewuchs von Büschen und Elefantengras wurde immer wieder von riesig hoch ragenden Bäumen unterbrochen. Ich musste den Kopf weit zurück legen, um bis in ihre Kronen hinauf schauen zu können. Bäume von solchen gewaltigen Ausmaßen gibt es bei uns in Deutschland gar nicht. Ananaspflanzen und Bananenstauden zogen meine Aufmerksamkeit auf sich. Unser Trampelpfad wurde immer enger, mehrmals mussten wir durch den Bach waten, wobei uns unsere Führer immer wieder anboten, uns hinüber zu tragen. Unter lautem Gejohle und Gelächter nahm dies einer unserer Ärzte auch tatsächlich an, wobei er hinterher betonte, dies nur zum Schutz seines Fotoapparates getan zu haben.

Der Weg führte inzwischen steil bergauf. Ohne unsere Führer hätten wir oft gar nicht gewusst, wo es weiter geht. Wir gerieten gewaltig ins Schwitzen, denn trotz der frühen Stunde war es bereits sehr warm, und die hohe Luftfeuchtigkeit im Wald tat ihr Übriges dazu. Nach einer knappen Stunde jedoch hatten wir das Ziel erreicht: staunend standen wir in der Gischt des aus 35 Metern Höhe herabstürzenden Wasserfalls  und bewunderten das Naturschauspiel. Angenehm kühl war es hier, ein leichter Luftzug wehte einen Schleier aus winzigen Wassertröpfchen auf uns. Vor uns lag ein einladender kleiner See, in den sich der Wasserfall ergoss, und schon stürzten wir uns alle in voller Montur in das klare, erfrischende Bad, denn an das Mitnehmen von Badesachen hatte keiner von uns gedacht.

Pfarrer Rösch hatte recht gehabt: der Wasserfall von Akloa ist einfach ein Muss – und ist es bis heute. Auch wenn es inzwischen eine kleine Herberge am Ausgangspunkt gibt, auch wenn der Weg zum Teil mit Geländer und Brücken ausgestattet ist. Aber das Erlebnis, durch diese nahezu unberührte Natur zu laufen, ist immer noch dasselbe. Damals wusste ich ja noch nicht, dass ich diesen Weg noch sehr oft würde gehen können. Ich stand viel mehr triefend nass am Rand des kleinen Sees und konnte mich gar nicht satt sehen. Immer wieder ließ ich meine Blicke über die üppige Vegetation streifen, hielt mein Gesicht in die entgegen wehende Gischt des Wasserfalls und versuchte, diese tiefen Empfindungen intensiv aufzunehmen und für immer in meinem Gedächtnis abzuspeichern, blickte ich nach oben in den von Regenbogenfarben aufblinkenden Wasserfall. Nur ungern ließ ich mich von den anderen wieder zum Aufbruch drängen, aber wir hatten ein volles Tagesprogramm vor uns, das wir nur abwickeln konnten, wenn wir durch unseren Wasserfallausflug nicht übermäßig viel Zeit verloren. Ich trennte mich also von dem überwältigenden Schauspiel und folgte seufzend unseren Führern bergab. Bis wir unten ankamen, waren unsere Kleider wieder getrocknet. Nur die Turnschuhe quietschten noch bei jedem Schritt vor Nässe. Wir zogen sie aus und setzten uns barfuß in den Wagen, wo Pfarrer Rösch auf uns gewartet hatte.

Er kutschierte uns erneut in abenteuerlichem Tempo über die schmale, unübersichtliche Piste. Was wir nicht wussten, war die Tatsache, dass außer ihm niemand im Dorf ein Auto besaß und dass Fußgänger sich beim nahenden Motorengeräusch sofort seitlich in den Busch retteten, da sie die Fahrweise ihres Priesters schon kannten.

Pfarrer Rösch hatte noch eine weitere Überraschung für uns auf Lager. Statt zum Pfarrhaus zurückzukehren, mussten wir erst noch die Krankenstation des Nachbardorfes, die von Ordensschwestern geführt wurde, besuchen. Die Schwestern lachten und tuschelten, als wir barfuß vor ihnen standen und durch die Gesundheitsstation tappten. Doch Pum ließ sich nicht aus dem Konzept bringen und stellte sofort seine fachlichen Fragen zum konkreten Bedarf und zum vorhandenen Knowhow. Auch ich konzentrierte mich aufs Übersetzen und vergaß ganz unser merkwürdiges Aussehen. Plötzlich holten uns einige kichernde Mädchen bei unserem Rundgang ein, knieten sich vor uns nieder und hielten uns mit viel Gelächter ein paar Lederriemen-Sandalen bereit (heute nennt man diese Art Fußbekleidung Flipflops), in die wir schlüpfen konnten. Wir schlurften nun mit ungewohntem Schuhwerk durch das Dispensaire und wirkten damit natürlich um keinen Deut seriöser. Wenn wir uns gegenseitig betrachteten, mussten wir selbst grinsen.

Natürlich erhofften sich die Schwestern Arzneimittelspenden für diese Gesundheitsstation, die Pum ihnen auch versprach, wobei er ihnen einen ersten Notvorrat aus den mitgebrachten Kartons übergab. Dann endlich kam die herzliche Verabschiedung von den fröhlichen Schwestern und dem gastfreundlichen Pfarrer, und wir saßen wieder in unserem eigenen Auto, um unsere Fahrt fortzusetzen.

Unsere Rundreise war geprägt von intensiven Besichtigungen von Krankenstationen und Erstehilfeposten und von zahllosen Begegnungen mit Schwestern, Pfarrern, Dispensaireleitern und Dorfchefs. Am meisten aber beeindruckten mich immer wieder die vielen Kinder, die sofort neugierig herbei gerannt kamen, wenn wir irgendwo mit unserem Auto stehen blieben, die uns umringten, unsere Haut anfassten, ob die denn abfärbte, die sich kichernd und lachend um uns scharten, wie arm sie auch immer waren. In manchen Dörfern hatten viele Kinder kaum einen Fetzen Kleidung am Leib, sie starrten vor Schmutz, was angesichts des Wassermangels vor allem im Norden nicht verwunderlich war, sie wiesen den typischen Blähbauch als deutliches Zeichen für Unter- oder Mangelernährung auf.  Trotz aller Armut schienen sie stets fröhlich zu sein. „Yowo, Yowo – Weißer, Weißer“ riefen sie uns stets zu, wenn wir vorbeifuhren, rannten ein Stück des Wegs neben und hinter uns her und freuten sich, wenn wir ihnen zuwinkten. Nur entlang der größeren Straßen, wo auch Touristen passierten, streckten sich uns fordernde Händchen entgegen und schrien die Kinder lauthals „cadeau, cadeau – Geschenk, Geschenk“. Unsere mitgebrachten Kugelschreiber und Spielsachen verteilten wir dennoch nicht an diese Bettelkinder, sondern überließen sie den Pfarrern oder Lehrern, damit diese sie an die wirklich bedürftigen Kinder verteilten.

In den Krankenhäusern trafen wir immer wieder auf stark unterernährte Säuglinge und Kleinkinder. Die zerbrechlich dünnen Ärmchen und Beinchen, der greisenhafte Gesichtsausdruck, die völlige Apathie dieser Kinder taten mir in der Seele weh. Als ich eines dieser federleichten Babies im Arm hielt, da dankte ich innerlich meinem Schicksal, das es meinem Mann und mir gestattete, unsere eigenen Kinder in Wohlstand aufwachsen lassen zu können. Als das kleine Bündel in meinem Arm plötzlich das Gesicht verzog und zu weinen begann, war ich ganz entsetzt, aber die Schwestern freuten sich darüber, denn wenn so ein Winzling wieder Gefühle zeigt, ist er über den Berg. Mir jedoch machte dieses Erlebnis klar, dass ich in Zukunft mehr für die benachteiligten Kinder in Togo tun wollte.

Als wir nach der zehntägigen Rundfahrt nach Lomé in die Hauptstadt zurückkehrten, stand ich fast hilflos vor meinem Koffer. All die Tage hatte ich ohne viel Kleiderauswahl auskommen müssen, und nun stand ich vor all den völlig unberührten Klamotten und konnte mich gar nicht entscheiden, was ich aus der Vielfalt auswählen und anziehen sollte. Es schien mir plötzlich so unwichtig. Ich war voll von so vielen völlig neuen, unglaublichen, unvorstellbaren Eindrücken, und ich konnte es kaum glauben, dass es nur zehn Tage waren, die hinter uns lagen. Da war die Kleiderfrage völlig bedeutungslos geworden.

Wir absolvierten noch den ehrenvollen Empfang beim Erzbischof, der uns versprach, in den kirchlichen Räumen des Ordinariats kostenlos eine kleine Halle zur Zwischenlagerung der Medikamentenspenden zur Verfügung zu stellen, fanden uns zu einem Abschiedsessen im „Relais de la Poste“ ein – dies sollte zu einer Tradition all unserer späteren Reisen werden – wo es einen wunderbar zubereiteten Hummer gab, und schon saßen wir wieder im Flugzeug auf dem Heimweg nach Deutschland.

Ich kehrte verändert zurück. Obwohl ich mit lauter Ärzten und Apothekern unterwegs gewesen war, hatten diese es nicht verhindern können (und wohl auch nicht wollen), dass ich vom „Togo-Virus“ infiziert wurde, von dem ich bis heute noch nicht „geheilt“ bin. Nach dieser ersten Reise brauchte ich mehrere Wochen, bis ich überhaupt wieder so richtig zu Hause und im „normalen“ Leben angekommen war. Einige Dinge kann ich bis heute nicht mehr, z. B. einen Wasserhahn laufen lassen oder unnötig lange duschen. Hatte ich bis dahin eigentlich mehr aus Freude am Einsatz meiner Französischkenntnisse bei diesem Medikamentenprojekt mitgeholfen, so hatte sich das geändert: von nun suchte ich auch eigene Tätigkeitsfelder, und als Lehrerin lagen mir natürlich die Kinder am nächsten. Mein Mann ließ sich von meinen Erzählungen anstecken und unterstützte mich tatkräftig bei allen Vorhaben, und unsere eigenen Kinder wuchsen von nun an „mit Togo“ auf.